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![]() Verfasser: Roland Plank |
In Hjartdal, einer Gemeinde in Mittel-Telemark soll das Volksbad restauriert werden. Solche Volksbäder wurden zu Beginn der vierziger Jahre in ganz Norwegen erbaut, kleine Blockhütten nach dem Muster der Badestuben, wie sie in früheren Zeiten auf allen Bauernhöfen gestanden hatten. Der Grund für diese Unternehmung war, daß die Gesundheitsbehörden festgestellt hatten, der Reinlichkeitssinn der (ländlichen) Bevölkerung sei sozusagen "unter aller Sau".
In diesem Zusammenhang ist es für Fyresdaler Lokalpatrioten natürlich ein reiner
Genuß, feststellen zu können, daß man dort seiner Zeit um 40 Jahre voraus war: das Volksbad von Fyresdal wurde bereits im Jahre 1899 erbaut und war damit eines der ersten in ganz Norwegen. Nach amtlichen Feststellungen waren es in den ersten Jahren 26 oder 27 Personen, die sich samstags (norwegisch:
lördag, nynorsk: laurdag, soll heißen: laugedag. Alles klar?) dort in Reinlichkeit übten. Bendiks Großvater, von dem ich dies weiß, erwähnte in diesem Zusammenhang, daß es in alten Zeiten auf den Höfen Badestuben gab, die auch zum Waschen genutzt wurden, später jedoch in Vergessenheit gerieten. Aber warum?
Der Artikel von Anne Haugen Wagn in der Telemark-Zeitung "Varden" vom 10.Oktober 1992 gibt die Antwort anekdotisch:
"Im 16. Jahrhundert schrieb ein schwedischer Pfarrer an seine Vorgesetzten und fragte, was er denn mit einem Gemeindemitglied machen solle, das sich nicht waschen wolle. 100 Jahre später beschwert sich ein anderer Pfarrer über ein Gemeindemitglied, das darauf insistierte zu baden. So sehr hatten sich die Zeiten geändert. Mit dem Pietismus hatte sich die Auffassung durchgesetzt, daß der menschliche Körper sündig sei und nicht angeschaut werden sollte, ja, es sollte noch nicht einmal darüber gesprochen werden. Folglich war dann Schluß mit den Badestuben in Stadt und Land, und Wanzen, Läuse und Flöhe hatten eine neue Chance. "Der erste (und bekannteste) norwegische Soziologe, Eilert Sund, erzählt in seinem Buch
"Reinlichkeitsgebräuche in Norwegen" (1869), daß er die letzte Badestube in Benutzung im Jahre 1850
in Südnorwegen gesehen habe. Nach dieser Zeit wurde in Norwegen das üblich, was man
"Schafewaschen" nannte.
Dabei wurden tatsächlich auch die Schafe gewaschen - zwar nicht jeden Samstag, aber doch anläßlich hoher Feiertage wie Ostern und Weihnachten. Danach wusch sich die Bauernfamilie samt Dienstvolk in demselben Bottich, in den zuvor die Schafe getaucht worden waren. (Manche Brauchtumsforscher behaupten gar, es sei dasselbe Wasser benutzt worden, aber das wäre wohl übertrieben.) Die Fyresdaler Geschichtsforschung hat demgegenüber ermittelt, daß das Weihnachtsbad getrennt vorgenommen wurde. Die Schafe waren schon ein paar Tage vor dem Fest dran. Und beim Bad der Menschen wurde sogar von Zeit zu Zeit das Wasser gewechselt. Wer sich dann am frühen Heiligabend gründlich gereinigt hatte, durfte nun auch neue Kleider anziehen und wurde in der Stube von den anderen mit einem Weihnachtsschnaps empfangen. Nur die Alten bekamen den Schnaps auch ohne neue Kleider (und das Waschen blieb ihnen ebenfalls erspart).
Soweit dies für mich feststellbar ist, unterscheiden sich die heutigen "Reinlichkeitsgebräuche" in Fyresdal und Norwegen nicht von den mitteleuropäischen, sind demnach für die soziologische Forschung nicht besonders interessant. Für uns als Urlauber ist aber wichtig, daß es neben den unzähligen Badeplätzen an Seen und Flüssen in Fyresdal auch ein Hallenschwimmbad mit Sauna gibt (das leider in den Sommerferien geschlossen ist).
©Roland Plank